Happy, der Problemhund

Über Mythen, Gewalt & Möchtegern-Trainer

Der grausame Fall eines vermeintlichen “Problemhundetrainers”, der im Juni 2023 durch die österreichischen Medien* ging, ist leider kein Einzelfall. Es gibt zahlreiche selbsternannte Hundeexperten – mit oder ohne Ausbildung – die der Meinung sind, dass gewisse Verhaltensweisen nur mit Strafe und Gewalt gelöst werden können.

Je „schlimmer“ ein unerwünschtes Verhalten, desto „ärger“ muss das Training aussehen. Denn dem Hund muss man mal zeigen, wo der Hammer hängt. Und so trifft es vor allem Hunde, die zu Aggressionsverhalten neigen, eine schwere Vergangenheit hatten, traumatisiert sind oder einer gewissen Rasse angehören – eben die sogenannten „Problemhunde“.

Doch es gibt ihn nicht, „den Problemhund“. Jedes Verhalten hat einen Grund, wirklich jedes. Und es reicht nicht, den Deckel auf den Kelomat zu drücken, um dieses Verhalten unsichtbar zu machen. Denn damit ist nur dein Problem gelöst, das Problem deines Hundes besteht weiterhin und ist wahrscheinlich sogar größer geworden – nur siehst du es nicht mehr. Man muss an der Ursache arbeiten – und das ist bei einem Leinenrambo eine andere als bei einem traumatisierten Hund.

Lies hierzu gerne meine Artikel: Hundeverhalten verstehen (wollen) und Achtung! Leinenrambo!

Mein Happy Dog ist auch ein “Problemhund”. Ja, du hast richtig gelesen. Eine Hundetrainerin hat einen Problemhund. Ja, ist die denn dann überhaupt kompetent, wenn der Kerl nicht erzogen ist???

Happy (knapp 10 Jahre) ist ein Hund, der von Welpe an über Jahre hinweg sehr viel Gewalt erfahren hat, jahrelang isoliert und an der Kette gelebt hat, traumatisiert ist und dann noch 2 Jahre im Tierheim absitzen musste, bevor er zu mir kam. Und so einem Hund wieder das Vertrauen ins Leben zurückzugeben, ist ein ganzes Stück Arbeit. Wahrscheinlich sein restliches Hundeleben lang. Happy kann nichts dafür, dass der Mensch ihn damals an seine Belastungsgrenze gebracht hat. Seine heutigen Probleme und Verhaltensweisen sind nur eine Konsequenz davon. Eine Konsequenz von gewaltsamem Umgang mit ihm.

Der Spruch “Die Zeit heilt alle Wunden” trifft auf ihn wohl besonders zu – 7 Jahre blöde Erfahrungen lassen sich nicht einfach mit ein paar Trainingseinheiten löschen und schon gar nicht mit welchen, wo wir ihn mit Wasser bespritzen, ihm irgendetwas hinterher werfen, ihm am Halsband die Luft abschneiden oder ihn zu Boden drücken.

Mehr über Happy & seine Geschichte findest du hier: Hallo, ich bin Happy! 

Es gibt ihn nicht, DEN Problemhund

Verhalten ist individuell & hängt von vielen Faktoren ab

Damit man einen vermeintlichen „Problemhund“ wieder alltagsfit machen kann, einem traumatisierten Hund wieder Sicherheit und seine Lebensfreude zurückgeben kann, benötigt es vor allem eines: Fundiertes Wissen über Hunde – und zwar wissenschaftlich fundiertes und modernes Wissen. Denn Hundeverhalten hat immer Gründe – und die gilt es herauszufinden. Denn nur dann kann man an der Ursache arbeiten – und zwar langfristig und nachhaltig und vor allem hundefreundlich.

Alles andere ist reine Symptomunterdrückung – sehr praktisch für den Hundehalter, aber meist sehr unangenehm und oftmals auch schmerzhaft für den Hund. Um eine adäquate Verhaltensanalyes durchführen zu können, benötigt es Fachwissen und Erfahrung – ein Selbstlernkurs auf YouTube oder ein selbst verliehener Titel als „Problehundetrainer“ reichen hier bei weitem nicht aus.

Und hier beginnt bereits das Problem: In Österreich benötigt man KEINERLEI Qualifikation, um sich Hundetrainer nennen zu dürfen. Ich wiederhole: KEINERLEI. Es ist ein freies Gewerbe, jeder, der Lust & Laune verspürt, kann ab morgen seine Hundeschule eröffnen. Das erklärt vielleicht auch die enormen Qualitätsunterschiede am Markt. Ebenso gibt es keinen Ausbildungsstandard, dh auch wenn dein bevorzugter Trainer “ausgebildet” oder “zertifiziert” ist, solltest du überprüfen, wo und bei wem diese Ausbildung gemacht wurde. Denn auch strafbasiertes Training wird nach wie vor unterrichtet.

In den modernen Hundewissenschaften weiß man schon lange, dass ein fairer, positiver und vor allem gewaltfreier Umgang mit dem Hund zielführender ist als ein auf Strafen basierendes Training. Und vor allem frei von körperlichen oder psychischen Nebenwirkungen.

Wir können nur gemeinsam die Hundewelt freundlicher machen, indem wir alle genau hinsehen, wem wir unsere Hunde und ihre Gesundheit anvertrauen. Egal ob Trainer oder Therapeut, in der heutigen Zeit ist es essentiell, beim Umgang mit einem Lebewesen eine fundierte, moderne und anerkannte (!) Ausbildung zu haben. Denn es war noch nie so einfach, sich modernes Wissen anzueignen – und das sind wir als Halter und auch als Trainer unseren Hunden schuldig.

In diesem Sinne: Stay happy & vor allem gewaltfrei!

*Quelle Kurier: https://kurier.at/chronik/oesterreich/steirischer-hundetrainer-soll-tiere-gequaelt-haben/402489317

Daniela Loibl MBA MSc

Daniela Loibl MBA MSc

  • staatlich geprüfte tierschutzqualifizierte Hundetrainerin
  • Hundeverhaltensberaterin iA
  • verhaltensmedizinische Tierpsychologin iA
  • zertifizierte Hunde-Ernährungsberaterin
  • ehrenamtliche Hundetrainerin im Tierheim
  • Buchautorin “Fred & Otto, Wanderführer für Hunde”

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Hundeverhalten verstehen lernen

Unerwünschtes Verhalten resultiert aus unerfüllten Bedürfnissen. Welche das in eurem Fall sind, werden wir gemeinsam herausfinden. Am Ende wirst du deinen Hund und sein Verhalten besser verstehen.

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